Mittwoch, 22. Februar 2012

Freier Wille zur Entscheidung?

Gestern war ich auf einer Veranstaltung der Kirche, in der es darum ging, ob der Mensch frei ist, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Da das Thema mich interessiert,  habe ich meinen inneren Schweinehund überhaupt bei dem Wetter rauszugehen, überwunden. Der Vortrag bzw. der Dialog zwischen zwei Pastoren hat mich nicht vom Hocker gehauen, einige Sachen waren ganz interessant, aber hauptsächlich ging es da um eigene aufgestellte Thesen mit der Berufung auf Bibelzitate.
Ich hatte den Eindruck, dass dieser Dialog für die meisten Besucher etwas zu abgehoben rüberkam.  Interessanter war dann schon die Diskussion, die anschliessend in den kleinen Gruppen geführt wurde, aber leider war die Zeit dafür dann doch zu kurz. Ein kurzer Satz von einem der Vortragenden hat mich dann aber doch aufhorchen lassen. Und zwar meinte dieser, in der Wissenschaft wäre es ja sowieso fraglich, ob wir Menschen überhaupt die Freiheit haben, etwas selbst zu entscheiden. Da gäbe es Forschungen, die diesem Thema auf der Spur sind.  Und danach habe ich dann heute mal  gegoogelt und folgenden Artikel gefunden: Freier Wille - eine Illusion?

Das Thema finde ich nun wirklich interessant. Sollten wir gar keine Freiheit zu einer eigenen Entscheidung haben?
Bestimmt unser Gehirn wie wir uns entscheiden? Wissenschaftler haben das untersucht und ich finde das Ergebnis sehr interessant, aber irgendwie auch enttäuschend. Können wir uns jetzt die Entscheidungen, die wir täglich,  manchmal mit nach langem Ringen mit uns selbst sparen, weil es eh schon vom Hirn vorausgeplant ist? Das wäre doch wirklich enttäuschend, oder? Aber da man es selbst ja nicht merkt, dass die Entscheidung bereits getroffen ist, ist es vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber eines beruhigt mich doch ungemein. Jede Entscheidung, die ich in Zukunft treffe kann ich immer relativieren mit dem Satz: Okay, okay, das habe ja nicht ich wirklich entschieden, sondern mein Gehirn:-). Und das ist vielleicht manchmal ganz praktisch, wenn man sich so aus der Affäre bei falschen Entscheidungen ziehen kann.  Aber eins steht schon jetzt fest, das Leben bleibt spannend und jeden Tag entdecken wir etwas Neues. Mal ist es gut, mal ist es weniger gut, aber es geht immer weiter.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Salut Brigitte,
Ich glaube der Artikel handelt eher über das Funktionieren des Gehirns als über Freiheit. Selbst wenn mein Gehirn meine Vorerfahrung, meine unbewussten Motive in die Entscheidungsfindung mit einbaut und zwar Millisekunden bevor ich hü oder hott sage, so bleibt es doch mein Hirn, meine Geschichte und auch mein Unterbewusstsein was mitspielt. Also doch Freiheit? Mein Hirn ist doch kein fremdes Etwas was mir was vorschreibt mit dem ich nichts zu tun habe. Letztendlich handelt es sich auch hier um das alte philosophische Leib-Seele Problem was natürlich immer noch keine endgültige Antwort erfahren hat. Dafür ist es aber umso spannender.

Sherry hat gesagt…

@Anonym: Wie kannst du denn frei entscheiden, wenn du eine Entscheidung nicht einmal bewusst triffst? Erklär' mir zudem bitte, wie dein Gehirn sich nach unserem Willen entwickeln kann, wenn du nicht entscheiden kannst, wo und mit welchen Eltern du aufwächst, unter welchen souioökonomischen Bedingungen du deine Erfahrungen machst, ob du in Krisengebieten oder in einem gut förderlichen Haushalt aufwächst? Die Sache ist viel viel komplexer, als du das hier argumentierst.

Einige zu große Stressoren in bestimmten frühkindlichen Entiwcklungsphasen des Gehirns reichen aus, um z.B. bestimmte Hirnareale morphologisch so zu verändern, dass du ein Leben lang unter Impulskontrollstörungen, Depressionen, Affinität zu Suchtverhalten oder Angst- und Panik neigst. Diese Dinge beeinflussen dich viel mehr als deine freie Entscheidung "ab heute mal glücklich zu sein".

Die meisten Menschen haben noch immer nicht begriffen, dass das Gehirn wie alle anderen Organe eben nur ein Organ ist und Anfällig für Krankheiten und äußere Einflüsse ist. Mehr sogar als jedes andere Organ.

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@Brigitte:

Danke für dieses Thema. Ich bin mit der Forschung zu diesem Thema sehr vertraut und habe wirklich sehr lange darüber nachgedacht. Ich glaube nicht an den freien Willen. Es gibt nichts, aber auch rein gar nichts, das wir unter Ausschluss von bewussten oder unbewussten Einflussfaktoren tun. Nichts kommt frei aus uns selbst heraus, ohne von irgendetwas vorher beeinflusst worden zu sein. Allein diese Determinierung macht uns unfrei. Sogar unser Gefühl, frei in unserem Handeln zu sein, ist eine Funktionsweise des Gehirns, damit wir nicht resignieren und weiterleben.

margaretawarenius hat gesagt…

wieder mal versuchen

margareta

Hella hat gesagt…

na ja.
Unsere frühkindliche Prägung, die Beispiele die wir als formbare menschliche Wesen erleben, unsere Erfahrungen auf bestimmte unserer Aktionen - das prägt halt auch das Hirn. Wenn man sich ein bisschen mit Philosophie beschäftigt, findet man als Ergebnis , dass es wahrscheinlich einen eingeschränkten freien Willen sehr wohl gibt.
Das bedeutet, wir sind nicht nur die Summe unserer Prägungen - wir können uns darüber hinaus in jeder Situation gegen unsere Erfahrungen entscheiden.
Ein einfaches Beispiel: ein nach einem Unfall querschnittsgelähmter Mensch kann a) sich verbittert den Rest seines Lebens zurückziehen oder b) zu einem Rollstuhl-Volleyballklub gehen.
Die früheren Erfahrungen werden ihn beeinflussen, -sicher - aber letztendlich fällt er die Entscheidung.

Anonym hat gesagt…

@Sherry: Sorry du unterstellst mir so manches, was ich weder gesagt noch gedacht habe. Ich nehme mir daher die Freiheit zu widersprechen: Freiheit und Bewusstsein sind für mich nicht dasselbe. Ich meine, dass mein Gehirn durch die ganzen Einflüsse bewusst und ubw immer noch mein Hirn bleibt sozusagen, die materielle Basis aufgrund derer ich meine Entscheidungen treffen kann. Ich spreche nicht von reiner philosophischer Freiheit, die sich aus meinem reinen Willen heraus entwickelt ohne materielle Basis sozusagen. Für mich zählen die äusseren Einflüsse sehr wohl, wie Geschichte, Familie, Lebensumstände usw. Sie sind ein Teil von mir mit den inhärenten Begrenztheiten. Innnerhalb all dem was mein kleines Ameisenleben ausmacht, habe ich wohl einige Freiheiten, ich bin kein ausschliesslich fremd definiertes Ameislein.

Sherry hat gesagt…

@Anonym:

Eine Entscheidung, die du nicht bewusst tätigen kannst, ohne Abwägung, ohne echte Auseinandersetzung, eine Freiheit, die nur deiner Affinität, deiner Prägung, deiner hirnmorphologischen Besonderheit und deinen genetischen Dispositionen folgt, ist keine freie Wahl. Wie soll ich dir das erklären? Wenn dein Herz einen Infarkt kriegt, würdest du da sagen: "Ich - personifiziert in meinem Herzen - habe entschieden, einen Infarkt zu kriegen?" Identifizierst du dich denn auch mit deinem Darm? Oder deinem Hals? Ich kann deine Argumentation zwar nachvollziehen, aber sie umkreist das Konstrukt "freier Wille" und "Entscheidungsfähigkeit", trifft es aber nicht.

Vielleicht sollte man sich vorher über eine einheitliche Definition einigen.

Falls ich dir zu Unrecht etwas angedichtet haben sollte, bitte ich um Entschuldigung!

Anonym hat gesagt…

Ich bin nicht mein Herz, mein Darm usw, aber sie sind materielle Teile von mir. Wenn mein Herz einen Infarkt kriegt so ist das ein Umwelteinfluss, der gemacht hat, dass mein Herz einen Infarkt kriegt und der mich tötet oder behindert weiterleben lässt, aber für mich hat das nichts mit Entscheidung zu tun. Du hast Recht, wir sollten uns über eine Definition einigen und vor allem was wir definieren wollen.

Sherry hat gesagt…

@Brigitte: Haha. Toll, danke für die Aufklärung! :)

@Anonym:

Hier einmal zwei gängige Definitionen, die sich ergänzen: "Die bedingte Willensfreiheit sieht den Willen als frei, wenn die Person ihren Willen nach ihren persönlichen Motiven und Neigungen gebildet hat, tun kann, was sie will (Handlungsfreiheit), und auch anders hätte handeln können, wenn sie es denn nur gewollt hätte."

"Die Forderung nach einem Konzept, das diese Beschränkung der Freiheit überwindet, liegt der unbedingten Willensfreiheit zu Grunde. Gedacht werden kann eine solche Freiheit nur dann, wenn das Wollen von absolut nichts abhängt, also durch nichts bedingt ist. Nur dann könnte sich ein Mensch in derselben Situation sowohl für das Eine als auch für das Andere entscheiden."

Du hast Recht. In dem Fall hast du einen Infarkt gekriegt (möge dir das niemals passieren), weil du evtl. gegen Stressoren zu kämpfen hattest und zudem eine Vulnerabilität für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mitbringst. Hast du zudem noch einige hormonelle Dysregulationen und neigst zu Gewichtszunahme, Insulinresistenz und Heißhungerattacken, bist du quasi machtlos dagegen, außer du kommst unter einem neuen Einfluss: Angst vor dem Sterben, eine Person, die dich motiviert oder ein Erlebnis (externer Faktor), der dich so dermaßen beeinflusst, dass du dein Leben änderst. Am Ende bleibt man aber immer noch beeinflusst von vielen Faktoren - ob nun endogenen oder exogenen -, die zu einer Verhaltensänderung führen. Eine freie Entscheidung jedoch würde beinhalten, dass man a) etwas bewusst entscheidet, b) die Rahmenbedingungen, unter denen man entscheidet, nicht so festgelegt sind (also variabler, als sie uns vorliegen als organische Wesen) und c) ganz und gar nur von uns kommt, was ja nicht geht, weil wir beeinflusst worden sind, gerade werden.

Wir sind quasi komplett determiniert. Unser Körper, die Risikofaktoren, die wir in uns tragen, die Umwelt, in der wir aufgewachsen sind, das Temperament, das uns augeboren ist, die Intelligenz, die uns Wege eröffnet oder schließen kann, unsere Psyche und unsere Neigung zur Resilienz oder dysfunktionalen kognitiven Strukturen, Menschen, denen wir begegnen, sozioökonomischer Status, Lernerfahrungen (Angsterfahrungen) - all das ist in uns, wir können gar nicht bewusst darüber übergeordnet entscheiden, weil uns diese ganzen Variablen nicht einmal bewusst sind. Deshalb glaube ich nicht an den freien Willen oder die Möglichkeit, zwischen zwei Dingen frei zu entscheiden, weil wir immer einer Motivation unterliegen.

So, das Problem müsste sich ja dann in einem moralischen Dilemma zeigen. Wenn niemand frei handelt, können Menschen ja nicht mehr für ihre Verbrechen verantwortlich gemacht werden. Oder? Ja, möglich. Aber hier müssen wir als Gesellschaft dann doch lieber effektiv als moralisch einwandfrei handeln: Gefährliche Menschen dürfen nicht andere, unschuldige Menschen belasten oder schädigen. Deshalb gehören sie so oder so erst einmal weggeschlossen.

Ich wünsch' euch einen schönen Abend!

Anonym hat gesagt…

@Sherry:
Die Freiheit eine bedingte, keine absolute, ok. Das philosophische Denken über Freiheit muss aber im praxisfernen Raum bleiben da man sonst ins Schleudern kommt. Wenn man aus dieser radikalen, unbedingten Freiheit respektiv ihrem Gegenteil der radikalen Determiniertheit heraus argumentiert, kommt man in Teufels Küche. Dann gibt es keinen Grund mehr moralisch zu handeln, es ist ja eh alles schon bestimmt. Da finde ich es aber kurz geschlossen, dann alle gesellschaftlichen und menschlichen Querschiesser einfach wegzusperren. Woher kommt dann die Legitimation dazu? Der Mörder, Verbrecher ist ja nur ein krudes Opfer seiner Determiniertheit.
An diesem Thema interessiert mich auch mehr die Leib-Seele Frage, in dem Sinn, wo ist die Schnittstelle zwischen unserem Körper und dem Geist, der Seele, dem Immateriellen oder eventuell anderen Entitäten.
Danke für die interessante Diskussion.

Weserkrabbe hat gesagt…

@Sherry und Anonym: bitte weitermachen, wir können nur daraus lernen. Ich finde es spannend.

lieben Gruß
Brigitte

Sherry hat gesagt…

Liebe Anonym,

das ist ja das Lustige oder Interessante für die Forschung: Selbst, wenn wir uns eingestehen, dass wir determiniert sind, ändert das nichts an unserem Gefühl oder unserem Glauben, dass wir doch selber etwas verändern, dass wir doch einen freien Willen haben und Handlungsfreiheit haben. Sieh' mich an: Aus rein erkenntnisorientierter Sicht, rational argumentiert, bin ich mir dessen gewahr, dass der freie Wille so nicht existiert und wir tatsächlich umschlungen sind von Variablen, die uns beeinflussen. Aber mein Gehirn schützt sich vor seiner eigenen "Intellektualität". In seinem Programm werden manchmal verstandesorientierte Erkenntnisse von normalen Motivations- und Handlungsimpulsen isoliert, einfach, weil es dem puren Überleben dienlich ist.

Und nein, Moral wird dadurch auch nicht überflüssig. Moralische Prinzipien sind ja selbst Einflussfaktoren auf unsere Wahrnehmung und unser Handeln, deshalb wird trotz des Wissens über unser Determiniertsein, die Moral dennoch Einfluss auf uns haben, zumal sie recht funktional für uns Menschen ist: Sie schützt uns vor völliger Willkür und dem Ausgeliefertsein von "Dschungelgesetzen". Moral oder Gesetze machen Sinn, allein deshalb werden wir sie aufrechterhalten (müssen). Und genau aus dem Grund werden wir auch aufrechterhalten (müssen), dass gefährliche Straftäter trotz des Wissens ihrer Determiniertheit, weggeschlossen werden müssen, um das "Heil" unserer Gesellschaft zu gewährleisten.

Dennoch verstehe ich natürlich deine Bedenken. Bei einigen, eh schon depressiven Menschen kann diese Erkenntnis zur Resignation und zu Nihilismus führen, aber die haben dann eh schon vorher eine Art Morbidität gezeigt.

Danke auch dir für die Unterhaltung.
Und danke Brigitte für das Thema.

Sherry hat gesagt…

Nachtrag: Zur Körper-Seele-Debatte müsste ich viel zu sehr ausholen. Ich denke, wir können über die Seele nur spekulieren, denn sie lässt sich nicht fassen oder erklären. Aber was die Psyche angeht, so ist sie nach heutigem Wissensstand schon ein sehr enger Teil des Körpers. Das sieht man einfach an der neurologischen Mitbeteiligung von psychischen Krankheiten oder dem neuroendokrinen System. Aber das ist ein anderes, großes Thema!

Weserkrabbe hat gesagt…

@Anonym & Sherry: So, Ihr beiden Süßen, da Ihr anscheinend beschlossen habt, die Diskussion nun zu beenden, sage ich Dankeschön für Eure interessanten Thesen.

Und zum Schluss natürlich noch meine unmaßgebliche persönliche Meinung zu diesem Thema:
Ob ich nun die Entscheidungen für mich treffe oder mein Gehirn ist mir letztendlich egal. Hauptsache es ist mein Gehirn und nicht irgendein anderes. Das würde mir nämlich nicht gefallen, es sei denn, es gibt doch einen Gott und dann kann ich es eh nicht ändern.

In diesem Sinne sende ich Euch ganz freiwillig
liebe Grüsse
Brigitte